Überstellung

Juni
2024

Geplante Überführung auf eigenem Kiel um den italienischen Stiefel in die Nordadria wird durch Technische Defekte ausgebremst

Die Überstellung unseres Segelbootes sollte eigentlich ein kleines Abenteuer werden – einmal rund um den italienischen Stiefel, von La Caletta bis nach Aprillia Marittima, in unsere neue Heimatmarina. Wir hatten Bilder im Kopf von endlosen Sonnenuntergängen, ruhigen Etappen entlang der Küste und diesem ganz besonderen Gefühl von Freiheit auf See.

Doch schon kurz nach dem Start zeigte sich: Diese Reise würde anders verlaufen als geplant.

Das erste Problem kam schleichend – und roch streng nach Diesel. Im Tank hatte sich die sogenannte Dieselpest breitgemacht. Dabei handelt es sich um Mikroorganismen – Bakterien und Pilze –, die sich im Diesel vermehren, vor allem wenn Wasser im Tank ist. Sie bilden schleimige Ablagerungen, die Filter verstopfen und den Motor lahmlegen können. In unserem Fall war das zwar ärgerlich, stellte sich im Nachhinein aber fast als Glück heraus: So wurden wir frühzeitig gewarnt, dass mit dem Treibstoffsystem etwas nicht stimmte.

Kaum hatten wir dieses Problem halbwegs im Griff, kam das nächste: Die Mastrollreffanlage hatte einen Schaden, und unser Großsegel klemmte fest. Kein Ausrollen möglich, kein vernünftiges Segeln – ausgerechnet auf einer Strecke, die wir eigentlich so gerne unter Segel zurückgelegt hätten.

Und dann kam mein persönlicher „Glanzmoment“: Beim Versuch, den Dieselvorfilter zu wechseln, brach ich ihn kurzerhand ab. Als wäre das nicht genug, riss ich bei der Reparatur auch noch die Dieselleitung direkt am Motor ab. Spätestens da war klar: Das hier ist keine normale Überstellung mehr, sondern ein echtes Improvisationsprojekt.

Mit eingeschränkter Technik und wachsender Unsicherheit entschieden wir uns, den ursprünglichen Plan aufzugeben. Stattdessen liefen wir Ventotene vor Neapel an – eine kleine Insel, die uns in diesem Moment wie ein sicherer Hafen erschien. Von dort aus wollten wir irgendwie so weit wie möglich nach Norden kommen, in Richtung Livorno.

Während wir uns langsam entlang der Küste vorarbeiteten, wurde uns klar, dass wir eine andere Lösung brauchten. Also kam moderne Seefahrt auf ganz eigene Weise ins Spiel: Unsere Tochter Nadine, zu Hause geblieben, wurde zur Rettungskoordinatorin. Mit bewundernswerter Ruhe und Organisationstalent telefonierte sie, recherchierte und arrangierte schließlich das, was wir selbst kaum für möglich gehalten hätten – einen LKW-Transport für unser Boot.

Als wir die Nachricht bekamen, waren wir gleichzeitig erleichtert und ein wenig sprachlos: Rund 8000 Euro würde der Transport kosten. Eine Summe, die definitiv nicht eingeplant war. Aber in diesem Moment war sie jeden Cent wert – für Sicherheit, Planbarkeit und die Gewissheit, unser Boot heil in Aprillia Marittima anzubringen.

So endete unsere große Seereise nicht mit einem triumphalen Einlaufen unter Segeln, sondern mit einem Kran, einem Tieflader und einer ordentlichen Portion Demut. Und doch – oder vielleicht gerade deshalb – wurde sie zu einer Geschichte, die wir so schnell nicht vergessen werden.

Denn manchmal sind es nicht die perfekten Törns, die in Erinnerung bleiben, sondern genau jene, bei denen alles anders kommt – und man trotzdem einen Weg findet.

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